Wirtschaftsverkehr in urbanen Regionen der Schweiz

Was haben ein Liftmonteur, eine LKW-Fahrerin, der Pflegedienst, der Pöstler und die Müllabfuhr gemeinsam? Sie sind Wirtschaftsverkehr.

Die Versorgung mit Gütern und die Entsorgung von Abfall gehören zu den Dienstleistungen, die wir als Gesellschaft erwarten. Nicht selten geht jedoch der Wirtschaftsverkehr, der die Sachen bringt und holt, bei der Planung vergessen. Wir wollen die Dienstleistung, aber nicht den Verkehr. Während Stadtplanende seit Jahrzehnten Pendler-Muster und Freizeitwege der Nutzenden untersuchen, blieb der geschäftliche Verkehr eine statistische Black Box. Eine Grundlagenstudie des Bundesamtes für Raumentwicklung (ARE) nahm diesen Punkt auf. Sie zeigt: Was wir bisher als störendes Hintergrundrauschen abgetan haben, ist das Rückgrat einer funktionierenden Wirtschaft, das von Verwaltung, Politik, Planenden und Infrastrukturbetreibenden lange vernachlässigt wurde.

Workshop Urbane Logistik der Stadt Zürich, 2024

Es sind nicht nur LKWs und Lieferwagen: Vier Gesichter des Wirtschaftsverkehrs

Wer bei Wirtschaftsverkehr nur an tonnenschwere Lastwagen denkt, erfasst nur das halbe Bild. Studien, die lediglich Fahrzeuge und Wege zählen, erfassen ebenfalls nur das halbe Bild. Deshalb braucht es einen Perspektivenwechsel, hin zu den treibenden Akteuren des Wirtschaftsverkehrs. Erst wenn wir verstehen,  warum  jemand fährt, können wir die Stadt von morgen planen. Die Systematisierung unterscheidet heute vier Segmente:

  • Güterwirtschaftsverkehr:  Der klassische Warenfluss von der Produktion bis zum Ladenregal. Also die Pakete und Briefe, das Stückgut, die Baustellenlogistik, die Abfallentsorgung.

  • Dienstleistungsverkehr mit Waren:  Die mobile Werkstatt. Hier steht die Fachkraft im Fokus, die Werkzeug und Material zum Einsatzort bringt, so wie der klassische Handwerksbetrieb.

  • Dienstleistungsverkehr ohne Waren:  Oft als Geschäftsverkehr gesehen. Es sind die Pflegedienste, Berater oder Technikerinnen, die für ihre Arbeit vor Ort mobil sein müssen, ohne Güter zu bewegen.

  • Personenwirtschaftsverkehr:  Kommerzieller Transport gegen Entgelt, der nicht zum klassischen öffentlichen Verkehr (ÖV) gehört. Hierzu zählen beispielsweise Reisebusse, gewerbliche Tour-Anbieter oder nicht konzessionierte Shuttle-Dienste.

Smargo Fahrzeug in Schaffhausen

Private Akteure gestalten den Wirtschaftsverkehr

Unsere Städte wachsen nach innen, was zu mehr Menschen auf gleichem Raum führt, die alle versorgt werden wollen. Gleichzeitig nehmen Megatrends wie der E-Commerce rasant zu. Urbane Räume verzeichnen zudem eine hohe Dichte an Baustellen, die in den letzten Jahren weiter zunimmt. Der Wirtschaftsverkehr macht heute bereits rund ein Viertel des gesamten motorisierten Verkehrsaufkommens auf städtischen Hauptachsen aus. Auf nationaler Ebene entfallen ca. 16,5 % der gesamten Fahrleistung auf diesen Sektor.

Zu den Schweizer 3 Top Logistikdienstleistern nach Umsatz gehören die Post, Planzer und SBB Cargo. Während die Spitze vierstellige Mitarbeiterzahlen aufweist, beschäftigen die meisten der über 485'000 registrierten Güterfahrzeuge besitzenden Betriebe lediglich zwei- bis dreistellige Belegschaften. Diese mittelständige Prägung bedeutet auch hohe Beständigkeit und Nischen-Expertise, die für jede Warenart - ob flüssig, eilig, schwer, temperaturgeführt usw. - einen Spezialisten bereitstellt.

Segmente des Wirtschaftsverkehrs in Basel und Zürich fotografiert.

Praxisbeispiele aus der Schweiz

Aktuelle Projekte zeigen, wie Planungssicherheit und Entlastung geschaffen werden:

  • Entwicklungsschwerpunkt Wankdorf (Bern): Hier wird eine Verkehrsdrehscheibe entwickelt, die Wohnen, Arbeiten und Gewerbe (z. B. Wankdorfcity III) durchmischt. Durch gezielte Infrastrukturmassnahmen wie die Entflechtung von Verkehrsströmen und neue Tramverbindungen wird das zusätzliche Aufkommen siedlungsverträglich abgewickelt.

  • Winterthur macht Pionierarbeit bei Daten: Die Stadt Winterthur hat 2025/2026 eine umfassende Grundlagenstudie durchgeführt, um den Wirtschaftsverkehr messbar zu machen. Erkenntnisse daraus fliessen direkt in die Arealentwicklungen (z. B. Neuhegi-Grüze) ein, um dort Raum für Güterumschlag und Paketstationen frühzeitig zu sichern.

  • Handwerker-Parkplätze: In Städten Zürich und Winterthur wird die Schaffung spezifischer Parkfelder für den Dienstleistungsverkehr angeregt, um Handwerkerinnen Planungssicherheit bei Einsätzen in dicht besiedelten Gebieten zu geben.

  • Agglomerationsprogramme (z. B. AP5 Bern/Interlaken): Hier werden Logistik-Hubs raumplanerisch gesichert und Warenströme gebündelt, um die Ortskerne vom Durchgangsverkehr zu entlasten.

Die Beispiele zeigen, dass für einen zukunftsfähigen Wirtschaftsverkehr eine enge Zusammenarbeit von privaten Akteuren, Behörden und Politik unerlässlich ist.

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Leitplanken für den Wirtschaftsverkehr