Leitplanken für den Wirtschaftsverkehr
Von der «Tour de Suisse» zum Berliner Policy Paper
Anfang 2026 hatte ich die Gelegenheit, im Haus der Kreislaufwirtschaft in Berlin die Keynote für einen Workshop des Umweltbundesamtes (UBA) zur nachhaltigen urbanen Logistik zu halten. Gemeinsam mit Fachleuten aus der gesamten DACH-Region haben wir praxisorientierte Massnahmen erarbeitet, die als Basis für ein wegweisendes Policy Paper an die Politik dienen.
In meiner Keynote nahm ich die Teilnehmenden mit auf eine «Tour de Suisse» durch die Welt des Wirtschaftsverkehrs.
Wie transportiert die Schweiz?
Die Schweiz gilt oft als Vorbild, wenn es um die Verlagerung auf die Schiene geht. Während in Deutschland der Anteil der Bahn im Güterverkehr bei etwa
22 % liegt, erreicht er in der Schweiz 37 %. Beim alpenquerenden Verkehr sind es in der Schweiz sogar 70% Schienenanteil. Dies ist kein Zufall, sondern das Ergebnis klarer Leitplanken: Das Nacht- und Sonntagsfahrverbot für LKW sowie die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA) führen dazu, dass der «Nachtsprung» in der Schweiz oft per Bahn erfolgt. Kombinierter Verkehr ist dort Teil der «nationalen DNA». Der Alpenschutz in der Schweiz ist in der Bundesverfassung (Art. 84) verankert und zielt darauf ab, das Alpengebiet vor negativen Auswirkungen des Transitverkehrs zu schützen. Kernstück ist die Verlagerung des alpenquerenden Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene sowie das Verbot, die Kapazität der Transitstrassen im Alpengebiet zu erhöhen.
Die gefühlte Realität: Mehr als nur Paketpöstler
Oft wird der KEP-Sektor (Kurier-, Express-, Paketdienste) als das Hauptproblem der Stadtlogistik wahrgenommen, da die gebrandeten Fahrzeuge im Strassenbild präsent sind. Gleichzeitig geht oft vergessen, dass die KEP-Touren eng mit unserem Konsumverhalten verknüpft sind. Insgesamt hat die Schweizer Post im vergangenen Jahr 186.6 Millionen Pakete verarbeitet und reagiert damit auf den weiterhin steigenden Online-Handel. Während gleichzeitig die Anzahl der adressierten Briefe um 4.2% auf 1.49 Milliarden Briefe zurückging. Der KEP Sektor macht wertmässig zwar viel her, macht aber nur etwa 5 bis 10% des städtischen Gesamtverkehrs aus. Die «Schwergewichte» auf unseren Strassen sind in erster Linie der motorisierte Individualverkehr, und beim Güterverkehr die Baustellenlogistik, die Entsorgung und die Lebensmittelbelieferung.
Anhand von Beispielen aus den Städten Basel, Bern, Baden, Zürich und St. Gallen wurden Lösungen aufgezeigt, welche die verschiedenen Segmente des Wirtschaftsverkehrs berücksichtigen. Es ging um Baustellenlogistik, Bahntransport, Werkzeug- und Personenlogistik, Flächensicherung, Hubs sowie Interessensabwägung zwischen den verschiedenen Bedürfnissen der Anspruchsgruppen.
Segmente des urbanen Güterverkehrs als Ausgangspunkt des Workshops
In thematischen Arbeitsgruppen wurden konkrete Massnahmen für verschiedene Logistikbereiche erarbeitet:
Baustellenlogistik: Hier liegt der Fokus auf der Digitalisierung von Informationsflüssen und einer zentralen Koordination. Eine Forderung ist, Logistikkonzepte bereits bei der Baugenehmigung einzufordern und durch Anreize wie verkürzte Genehmigungsfristen zu belohnen.
Lebensmittel- und Drogerielogistik: Der Hochlauf der Elektromobilität ist hier entscheidend, wobei die Ladeinfrastruktur vor allem in den Depots sichergestellt werden muss. Auch die zeitliche Entzerrung durch Nachtbelieferung wurde diskutiert, sofern diese geräuscharm erfolgt.
Stückgut und kombinierter Verkehr: Ein Best-Practice-Beispiel ist das Unternehmensnetzwerk «Motzener Straße» in Berlin, das durch Bündelung über Hubs tägliche LKW-Fahrten einspart. Auch die Radlogistik und die Gütermitnahme im ÖPNV bieten spannende Ansätze, benötigen aber passende Schnittstellen in der Stadtplanung.
Drei Säulen der Transformation mit Beispielen für Deutschland
Der nachhaltige urbane Güterverkehr braucht Steuerung auf drei Ebenen:
Physisch: Wir brauchen Umschlagplätze (Hubs) und reservierte Flächen für Liefer- und Ladezonen, die bereits frühzeitig in die Stadt- und Raumplanung integriert werden müssen.
Operativ: Kooperative IT-Systeme und eine hohe Datentransparenz sind das Fundament, um Transporte unternehmensübergreifend zu bündeln und Leerfahrten zu vermeiden.
Governance: Die Politik muss verlässliche Rahmenbedingungen schaffen. Ein interessanter Impuls ist das Schweizer Modell der LSVA (Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe), bei dem Einnahmen gezielt in die Transformation des Systems zurückfliessen könnten.
Urbaner Güterverkehr als Teil der kritischen Infrastruktur
Ein zentrales Ergebnis ist, dass Logistik als Teil der kritischen Infrastruktur einen höheren Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung und Planung braucht. Wir wissen eigentlich genug über die wirksamen Instrumente – jetzt geht es darum, die politische Prozesse für die konsequente Umsetzung zu nutzen.